2002

Ich konnte es nicht fassen. Den besten Fußball Europas gespielt. Gegen eine Mannschaft gespickt mit Weltstars. Und dann so eine dämliche, beschissene Niederlage. Weil man sich bei einem Einwurf hat übertölpeln lassen. Weil ein Ball gefühlte 3 Stunden in der Luft sein kann, ohne dass einer der Leverkusener einen verdammten Volleyschuss verhindern kann. Weil dieser verfickte Ball einfach nicht noch einmal über die Torlinie der Madrilenen wollte. Weil Iker Casillas aus dem nichts heraus seinen großen Tag bekam. Es war zum verzweifeln. Ich schlug mit den Fäusten auf meinen Stehtisch ein, verbarg die Tränen in meinen Schals. Ein Kamerateam des WDR hielt genau dies für ein sehr lohnenswertes Motiv. Rings um mich leerte sich die Wilhelm Dopatka Halle. Es war der 15. Mai 2002, und der Bayer hatte soeben das wichtigste Spiel seiner Vereinsgeschichte verloren. 

Champions League Finale gegen Real Madrid. Wer mir das vor der Saison gesagt hätte, ich hätte ihn nichtmal ausgelacht, ich hätte ihn in ne Klapsmühle gesteckt. Wir waren mit Müh und Not vierter geworden. Wir hatten Berti Vogts als Trainer ertragen müssen. Der Verein hatte einen seiner größten Skandale hinter sich. Und nun hatten wir Klaus Toppmöller als Trainer bekommen, niemand der vor dieser Saison für große Erfolge im Fußball stand. Aber was hat er nur aus dieser Mannschaft gemacht! Er fand das Spielermaterial vor, was er sich wohl immer gewünscht hat, gute Defensivspieler wie Placente, Lucio, Nowotny, ein interessantes Mittelfeld mit Ballack, Ze Roberto, Bastürk, Schneider, einen hochklassigen Sturm mit Kirsten und Neuville. Er verpasste dem Gefüge ein hochmodernes Spielsystem, machte so Michael Ballack zu einem der torgefährlichsten Mittelfeldspieler aller Zeiten und verhalf gleichzeitig der Werkself dazu, ein Feuerwerk des Offensivfußballs auf dem Feld zeigen zu können. 77 Tore in der Saison, die mit weitem Abstand meisten der gesamten Liga. Eine Euphorie machte sich in der Stadt breit. Eine Mannschaft die begeisterte und dazu noch kämpfen konnte, schwierigste Spiele entscheiden und dominieren kann. Das hatte es zuvor nicht gegeben. Der Glaube wuchs, von Spiel zu Spiel. Aber es war noch skeptisch. Zu schmerzhaft die Erinnerung an 2000, wo die ganze Stadt sich schon zum feiern bereit gemacht hatte. Doch es lief so wunderbar. Gegen den Eff-Zäh das Finale im DFB-Pokal erreicht. Drei Spieltage vor Ende fünf Punkte Vorsprung auf die Rumpeltruppe aus Dortmund. Und dann noch das Sahnehäubchen…

Die Champions League. Nach überstandener Qualifikation ging es also ab in die Gruppenphase. Etwas Losglück in der ersten und spielerische Klasse in der zweiten bescherten das Viertelfinale gegen Liverpool. Jedem Bayer-Fan wird das Rückspiel zuhause in Erinnerung bleiben. Da haben sich nach dem Tor von Lucio Szenen abgespielt wie ich sie noch nie zuvor im Stadion erlebt habe. Nach dem Abpfiff wollte eigentlich keiner weggehen, derart elektrifiziert war die Stimmung. Wahnsinn. Dann der nächste Brocken. Halbfinale gegen Manchester United. Das wohl wichtigste Tor von Oliver Neuville im Dress vom Bayer zum 2:2 Ausgleich in Manchester. Der 90minütige Kampf zuhause. Der Abpfiff eine Erlösung-Endspiel in der Champions League?! Mit dem Bayer?? Unfassbar. Das musste erstmal realisiert werden.

Das Finale um die Meisterschaft. Dortmund dank Schwalboroso am Ende vorne. Der Meister des schlechten Beschissfußballs. Wieder nichts mit der Schale. Und eine ganze Liga, die es irgendwie bedauerte. Viel Zuspruch in den Medien und von Hertha-Fans nach dem letzten Spiel, das ebenso eine Achterbahnfahrt gewesen war. Aus und vorbei. Vorsprung verspielt. Das tat sehr weh. Zwei Chancen blieben ja noch. Dann Berlin. Keine Ahnung was da mit dem Bayer los war, aber Schalke hatte uns auch in der Saison ziemliche Probleme bereitet. Mentale Sache würd ich heute sagen. Ich hab mich geärgert, aber nicht so sehr wie nach der Saison. Glasgow…das war meine Hoffnung.

Genauso wie die Mannschaft präsentierte ich mich zum Finale wieder topfit. Das Abi(jaha!) lief leichter als ich dachte und so konnte ich mich voll auf diesen Abend konzentrieren. Leinwandgucken in der Dopatka-Halle(Public Viewing? Was ist das?) war angesagt, und frühzeitig hatte ich mir mit einem Freund gute Plätze gesichert. Meine Gedanken schweiften oftmals zu meinen Kumpels, die mitgefahren waren nach Glasgow. Was würden sie erleben? Was würde der Abend bringen? Könnten wir uns die Krone aufsetzen, die all den Schmerz würde vergessen machen? Die Spannung stieg von Sekunde zu Sekunde. Die Halle füllte sich. Es knisterte.

Ein kleiner Wettbewerb entbrannte dann zwischen uns, wer die meisten Fangesänge anstimmen konnte. Knapp unterlegen. Dafür hab ich dann am Ende das Fernsehinterview bekommen-danke WDR. Ich glaube meine Worte waren sowas wie „Jeder hat gesehen dass wir die beste Mannschaft Europas waren.“. Stimmt immer noch. Später im Sommer, auf Abi-Fahrt in Spanien kurz vor der WM wurde ich als Leverkusener von Schalkern, Spaniern und Fußballfans jeglicher Herkunft für das Team gelobt! Was für eine Anerkennung. Das ist mir heute mehr Wert als jede damals mögliche Briefkopferweiterung.

Aber wir waren eben auch die Mannschaft ohne Titel. Dass darauf auch zehn Jahre später derart rumgeritten wird ist zum einen Teil verständlich, zum anderen nicht. Was macht große Mannschaften aus? Der Erfolg oder die Art wie man das Spiel spielt? Auf der Insel werden große Mannschaften vergangener Spielzeiten abgöttisch verehrt, mit Spitznamen versehen-egal ob titelgekrönt oder nicht. Wir hatten so eine Mannschaft. Das Team der Spielzeit 2001/2002. Danke Jungs!

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Über Jan-Christoph

Mein Bayer-Leverkusen-Blog: https://vizemeister.wordpress.com
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Eine Antwort zu 2002

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