Ausputzer (1): Mythos Public Viewing

Die EM ist da, das Schlaaaand strömte wieder zu hunderttausenden auf die Plätze und Straßen der Republik um gemeinsam Fußball zu gucken. Im allgemeinen ist dieser Vorgang in Deutschland seit 2006 traurigerweise unter Verwendung eines richtig fiesen Neologismus als „Public Viewing“ bekannt geworden, alternativ auch Rudelgucken genannt. Und auch Franz Beckenbauer verkündete während des Champions League-Finales im Mai mal wieder überschwänglich:

 „Public Viewing wurde ja 2006 von uns erfunden.“

Was ein Riesenblödsinn ist, sich aber leider hartnäckig hält. Gut, dann widerlege ich mal viele Medien, Wikipedia und den Kaiser persönlich…

Wie man immer mal wieder in Rückblicken auf das Sommermärchen 1.0, die auch umgangssprachlich WM 2006 genannte Veranstaltung, die das ganze Schlaaaand vier Wochen in Ekstase versetzte lesen kann, wurde dort anscheinend das gemeinsame Fußballgucken auf öffentlichen Plätzen erfunden-mit dem bekannten Erfolg. Geliebt und seitdem fester Bestandteil des öffentlichen Lebens bei jedem großen Turnier, ist das Rudelgucken auf seine eigene Weise verklärt worden, inklusive Begriffsfindung bei 1live. Natürlich hat man sich auch vor 2006 zum gemeinsamen Fußball gucken getroffen. Also, was definiert „Public Viewing“? Es ist ja anscheinend nicht „in der Kneipe mit anderen schauen“- dann wäre die WM 1954 (bzw. sogar Olympia 1936!) der Ursprung. Nein, es wird laut Duden als „gemeinsames Sichansehen von auf Großbildleinwänden im Freien live übertragenen Sportveranstaltungen“ definiert. Nun gut. Gibt es niemand, der das vor 2006 gemacht hat? Niemand? Ja, der Blogbetreiber bitte:

 „Also ne, also 2000 da hab ich zwar auch mit den anderen zusammen im Stadion geguckt, wie der Bayer in Unter…ach ne, Stadion ist nicht öffentlich, ok, dann 2002, das CL-Finale, auf Leinwand in der Wilhelm-Dopatka-Halle…was auch nicht?? Aber dann die WM im selben Jahr, da sah ich das Spiel gegen Nordirland auf Leinwand im Düsseldorfer Hbf und später sowohl Halbfinale als auch Finale bei mir in der Stadthalle…nein, nicht davor, darin…ja wie das zählt nicht? Ist doch Indoor-Public-Viewing! Aber die Leute, die das ganze in Berlin am Sony-Center auf Leinwand verfolgt haben, die zählen sehr wohl! Das hat sogar die BILD in ihrem unsäglich schlechten WM Buch als Top des Sommers 2002 erwähnt: WM auf Leinwand gucken!“

 Ja, wenn es ein Jahr gibt, in welchem Public Viewing „erfunden“ wurde, dann 2002. In Südkorea selbst wurde das massenhafte Gucken zelebriert. Die Begeisterung für die südkoreanische Mannschaft die es sensationell bis ins Halbfinale schaffte kannte keine Grenzen und in allen Städten wurden die Spiele auf öffentlichen Plätzen, Kinos, Schulen, Flughäfen usw. übertragen. Aufgrund der Zeitverschiebung nach Asien fanden die Spiele hier bei uns meist mittags statt, die Übertragungsrechte waren zum großteil an das Pay-TV gegangen und wer damals schon Satellit digital empfing guckte aufgrund komischer Verträge auch bei den Öffentlich-Rechtlichen komplett in die Röhre(ein Umstand dank welchem ich fast das Auftaktspiel der Deutschen verpasste). Aus der Not wurde eine Tugend gemacht und die Spiele halt in der Öffentlichkeit verfolgt. Später zur EM 2004 in Portugal wurden organisierte Fanzonen wie wir sie heute kennen eingerichtet-großer Platz, Bühne, Leinwand, Fressbuden. Diese gab es aber nicht in allen EM-Städten. Hier lag der Ursprung der WM-Fanzonen 2006.

 Aufgrund dieser Erlebnisse von 2002 und 2004 und der ebenfalls im Vorfeld noch ungeklärten TV-Rechtesituation drängte das WM-OK auf öffentliche Übertragungen zumindest in den Spielorten. Der Rest ist Geschichte. Das ganze wurde als „FIFA Fan Fest“ zum vollen Erfolg mit der Krönung der Berliner Fan-Meile(zum Finale 2006 11 Leinwände, ca. 1,5 Mio. Menschen-Dimensionen, die man dort seit der Love Parade nicht mehr erlebt hatte). Aber auch abseits der offiziellen Fan-Feste wuchsen im ganzen Land Leinwände in die Höhe-wie eben auch schon vier Jahre zuvor.

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Über Jan-Christoph

Mein Bayer-Leverkusen-Blog: https://vizemeister.wordpress.com
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